Der Weihnachtsrabe Teil 1

Das Feuer brannte nicht mehr. Nur noch kleine Glutreste gaben ein fahles Licht aus dem Kamin ab; das Licht war schon vor Stunden erloschen und der Nachmittag draussen vor dem Fenster so düster und grau, dass auch von dort kaum mehr Helligkeit in die Dachkammer einströmte.
Auf den ersten Blick schien das Zimmer verlassen, der Lehnstuhl vor dem Kamin war schon lange nicht mehr benutzt worden, eine dicke Staubschicht hatte stattdessen auf ihm Platz genommen. Auf dem Kaminsims stand noch ein vertrockneter Strauss Sommerblumen, die beim geringsten Windhauch ihre Blütenreste auf den Boden rieseln liessen.

Der Wind rüttelte an den klapprigen Fensterrahmen und verlangte energisch Einlass; ein Geräusch, das in der Ecke links neben dem Kamin plötzlich Leben zutage treten liess: ein kleiner Bibliotheksrabe schüttelte verschlafen seine Federn, wetzte das Schnäbelchen und hüpfte aus seinem Nest.
Verwundert blickte er sich um; so dunkel schon! Und kein anderer Rabe mehr da; die L(e)iste lag verlassen da; der Ort, wo sich sonst immer täglich mehrere Dutzend Raben getummelt hatten; alle ausgeflogen. Kein Federchen wies auf deren frühere Existenz überhaupt hin; ja der ganze Ort kam dem kleinen Raben immer unwirklicher vor.

Da! Plötzlich vernahm der kleine Rabe ein Geräusch wie von Flügeln, die aus weiter Ferne heranrauschten; es staubte und raschelte plötzlich im Kamin und pardauz! Unversehens stand ein grauer, reichlich zerzauster Rabe vor ihm! Krah krah, krächzte der alte unwirsch, schüttelte sich, dass der Kohlenstaub nur so aufstob und schaute sich dann in aller Gründlichkeit um. Nicht lange, dann fiel sein Blick auf den kleinen Raben und verwundert hüpfte er näher. „Was machst Du hier? Fragte er verwundert, warum bist Du denn nicht mit den anderen geflogen?“ Der kleine Rabe schaute verschüchtert aus seinen Federn und krächzte jämmerlich „Ich, ich habe geschlafen und geträumt und es war so schön kuschelig und gemütlich in meinem Nest“ „Und da hast Du den Abflug der anderen verschlafen!“ vervollständigte der alte Rabe den Satz; das ist ja mal wieder typisch, einer schafft es doch immer wieder nicht rechtzeitig aus dem Nest. Und wie soll das jetzt weitergehen mit Dir?  Schau Dich doch mal um, das ist hier alles von gestern, damit kannst Du keinen Hund mehr hinter dem Ofen herauslocken!“ Der kleine Rabe verstand nicht, „wen sollte er herauslocken?“

„Na schau doch mal, alles ist verstaubt und angejahrt; kein Wunder dass sich Deine gefiederten Kollegen schon längst auf zu neuen Ufern gemacht haben! Die wollten auch nicht mehr nur auf alten Möbeln sitzen und frieren im Winter! Oder würdest Du hier noch anere Raben einladen? “ Beschämt schüttelte der kleine Rabe seinen Kopf und sein Schnabel sank mutlos immer tiefer Richtung Boden.  „Aber wo sind die anderen denn hin?“ fragte er zaghaft „werde ich sie denn nie mehr wiedersehen?“

„Tja, das liegt an Dir ganz allein, ob und wo Du sie finden wirst“ erwiderte der alte Rabe, nachdem er auf den verstaubten Lehnstuhl gehüpft war, etwas von der Füllung aus der Sitzfläche gezogen und es sich in der entstandenen Kuhle bequem gemacht hatte.

Der kleine Rabe wäre gerne zu ihm hinaufgehüpft und hätte sich ein bißchen angekuschelt, aber er traute sich nicht und so blieb er zu Füssen des Lehnstuhls sitzen. „Und wie?“ fragte er nach einer Weile, in der der alte Rabe schweigend gesessen und vor sich hin gedöst hatte.
„Wie soll ich das anstellen?“ Plötzlich fühlte er sich allein und hilflos.
„Nana, nun mal die Federn nicht hängen lassen, flieg zum Fenster hinaus und schau Dich draussen in der Welt um, nur nicht zu zaghaft!“

Und mit einem aufmunternden Krah! Krah! schubste er den kleinen Raben zum Fenster, stiess es mit einem energischen Schnabelhieb auf und nötigte den kleinen Raben, hinaus auf den Fenstersims zu hüpften.
Hui! Wie der Wind durch die Federn pfiff; der kleine Rabe konnte sich kaum auf den Beinen halten, so zog und zerrten die Windböen an seinen Federn und auf einmal fühlte er sich so leicht und schwerelos, dass er vor Freude aufkrächzte, ein paar Mal mit den Flügeln schlug und sich dann vom Wind hinwegtreiben liess.

Zufrieden blickte der alte Rabe dem kleine Federknäuel nach, bevor auch er, ohne noch einen Blick zurück in die dunkle Dachkammer geworfen zu haben, mit einem leichtem Flügelschlag sich vom Sims löste und verschwand.

Fortsetzung folgt…

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2 Antworten zu “Der Weihnachtsrabe Teil 1

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