Ein Stück Menschlichkeit bleibt auf der Strecke…

wenn man alle Kundendienste automatisiert.
Ich bin ja eigentlich für technische Innovationen und war heute nun doch sehr erstaunt über mein eigenes Befinden nach dem Besuch bei unserer Stadtbücherei.
Da ich längere Zeit nicht mehr dort war – im Ganzen ein halbes Jahr – war ich heute abend doch etwas überrascht, was sich mir dort bot:

Ok, den Rückgabeautomaten ausserhalb der Bibliothek kannte ich noch als Option für den eiligen Benutzter; er hat inzwischen noch ein paar Kollegen bekommen; dafür gibt es keine Möglichkeit mehr, die Bücher am Schalter abzugeben; alles läuft nur noch dort am Automaten.

Gut, mag man da sagen, zur Rückgabe ist auch kein Schalter mit Ansprechpartner nötig; manchmal möchte man vielleicht auch nicht bei der allzu verspäteten Rückgabe „ertappt“ werden.

Aber nachdem ich in der Bibliothek herumgestöbert hatte und eine Auswahl an Büchern und CDs zusammengetragen hatte, ignorierte ich die 4 im Raum stehenden RFID-Selbstverbuchungsautomaten und stellte mich – wie seit Jahrzehnten gewohnt – am Schalter an; erstens war ich mir nicht sicher, ob meine Karte noch gültig war und zweitens wollte ich ein paar Worte mit der mir durch jahrelangen Kontakt bekannten Kollegin wechseln. Über die neuesten Trends in der Bib und im Allgemeinen. Ich war die einzige in der Schlange, die Bibliothek war gerade nicht groß frequentiert.
Gut, ich wunderte mich schon etwas, dass von den ehemals 4 (oder 5?) Schaltern nur noch 2 übrig waren, über denen ein Schild „Anmeldung“ hing, aber was soll’s!

Denkste: Ausleihen sind nur noch über die Selbstverbuchungsautomaten möglich; so die Antwort der Bibliothekarin, die mir dankenswerterweise aber auch gleich Hilfe bei der Bedienung anbot.

Nach der Verbuchung meiner Bücher verließ ich mit einem merkwürdigen Gefühl die Bibliothek; war das hier nicht mal mein Wohlfühlort gewesen? Wo man sich kannte, wo die Bibliothekarin Tipps über bevorzugte Literatur hatte; wo man mal einen Small Talk über die Unterschiede zwische UB und Stadtbib. halten konnte; oder Gemeinsamkeiten ?

Und nun?
Bibliothek betreten,Bücher ohne Kontakt abgeben am Automaten, Bücher am PC recherchieren und Bücher am Automaten selbst verbuchen, Bibliothek wieder verlassen.
Da habe ich im Supermarkt, den ich wöchentlich besuche, ja noch mehr Kontakt mit den KassiererInnen, die kennen mich wenigstens und es gibt immer ein paar nette Worte!

So hatte ich mir meine moderne Stadtbibliothek irgendwie nicht vorgestellt; wird das unsere Zukunft als Benutzer sein? Der Besuch in der Bib genauso organisiert und unpersönlich wie ein Einkauf im Supermarkt?

 

2 Antworten zu “Ein Stück Menschlichkeit bleibt auf der Strecke…

  1. Ein sehr schöner Text! Die vollständige Automatisierung solcher Arbeitsabläufe ergibt ja tatsächlich auch ein ethisches Dilemma, unabhängig von der eigentlich immer damit einhergehenden Überlegung Personal einsparen zu können. Fragen dann unsere Bibliotheksbesucher und -besucherinnenwirklich noch alles, was sie im persönlichen Kontakt bei der Verbuchung fragen, einfach weil man schon miteinander spricht? Ist das eine soziale Entwicklung, die von unsere Bibliotheksbesuchern und – besucherinnen wirklich bevorzugt wird? Verlieren wir als Einrichtung so in einer gewissen Form den sozialen Status? Es bleibt dann letztlich noch ein Gedanke: es ist wieder ein Stück Alltagsarbeit, das an die Menschen selbst ausgelagert wurdem was letztlich auch eine soziale Frage ist. Schön, dass das Thema mal wieder aufgegriffen wird.

  2. ich merke es in der Stuttgarter Bibliothek, die ist ja ganz neu und nach dem Umzug „natürlich“ viel mehr automatisiert. Auf der einen Seite toll, dass ich rund um die Uhr Bücher abgeben kann. Andererseits komme ich mit Bibliothekaren im Ausleihebereich nur noch in Berührung, wenn es irgendwo klemmt. „Das funktioniert nicht, das verstehe ich nicht, wieso geht das nicht“, das sind doch die einzigen Fragen, mit denen man sich noch an Menschen wendet. Kein Wunder, dass diese dann viel dünnhäutiger wie früher reagieren, ist mein Eindruck.

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